Rückblick auf den Tag der Typografie 2007

Mit dem Thema «Buchgestaltung» haben die Organisatoren des diesjährigen Tages der Typografie in der Messe Basel die Königsdisziplin der Gestaltung in den Mittelpunkt der Veranstaltung gesetzt. Ausgewiesene Fachleute liessen sich beim Bücher Machen über die Schulter schauen. Ein Tag der Typografie wurde vom Sektor Visuelle Kommunikation der Gewerkschaft comedia organisiert.

Der stimmungsvolle Einstieg mit dem Berner Trio «Vino Tonto» gehört zur Tradition des Tages der Typografie. Nach der Eröffnung durch Hans Kern, Zentralsekretär comedia, übernahm Richard Frick das Szepter; er geleitete die interessierten Teilnehmerinnen und Teilnehmer durch den Tag. Wird das klassische Buch bald durch das «runde Buch» ersetzt? Diese rhetorisch gemeinte Frage leitete zum einstimmenden Referat über das Buch als Phänomen über.

Das Buch als Kulturphänomen

Hoffmann

«Das Buch ist mehr als ein Kulturträger oder ein Kulturvermittler, es ist ein Kulturgut, ja ein Kulturphänomen,» hielt David Marc Hoffmann im ersten Referat des Tages fest und war so mitten in dem ihm aufgetragenen Thema. Erst, wenn der Autor oder die Autorin einen Verleger gefunden haben, wird ein Text zum Buch. Indem der Verlag und die von diesem engagierten Gestalter und Drucker das Manuskript den Leserinnen und Lesern in einer – im wörtlichen Sinne – handlichen Form zugänglich machen, schaffen sie einen Mehrwert. Hoffmann, Leiter des alteingesessenen Basler Verlags Schwabe & Co. AG., fürchtet nicht um die Zukunft des Buches. In seiner Form und Funktionalität sei es kaum noch zu verbessern und auch nicht durch neue Medien zu ersetzen. Diesen könne lediglich eine komplementäre Rolle eingeräumt werden, vor allem im Hinblick auf ihre bescheidene Halbwertzeit. Die Frage sei höchstens, ob der Mehrwert, der durch die am Buch Beteiligten, geschaffen wird, auf Dauer noch bezahlt werde. Zuversicht sei indes am Platze, meinte Hoffmann und unterstrich es mit einem Schlusszitat von Arno Schmidt: «Es gibt keine Seligkeit ohne Bücher».

Buchgestaltung als Übersetzungsarbeit

Klaus Detjen

Klaus Detjen, unter anderem Herausgeber der Typographischen Bibliothek im Steidl Verlag, verschaffte den Teilnehmenden einen packenden Einblick in sein reiches Buchschaffen, wobei viel über seine Herangehensweise als Buchgestalter zu erfahren war. Zwei Ansätze scheinen ihm dabei wichtig: Man muss seine Arbeit im Anblick alles bisher Gedruckten, quasi als Mitverwalter eines kulturellen Erfahrungsschatzes, sehen, und man muss selbst ein engagierter Leser sein. Es gelte, den Klang, die Musik eines Manuskriptes herauszuhören. Es genüge nicht zu spüren, was ein Text meint; herauszufinden, wie er es meint, sei das Wesentliche. Und das müsse dann bis in die Feintypografie umgesetzt werden. Es war beeindruckend, wie in den gezeigten Beispielen Detjen die inhaltliche und die gestalterische Aussage – immer als Resultat einer intensiven Auseinandersetzung mit dem Text – bis ins Detail in Übereinstimmung zu bringen vermochte.

Bücher bauen

Lars Mueller

Trotz dem gewaltigen Druck, dem das Buch in Zeiten grosser Veränderungen in der Kommunikation und vom Markt her ausgesetzt ist, gibt es am Mythos Buch nichts zu rütteln. Dieses Diktum stellte Lars Müller, Gestalter und Verleger, an den Anfang seines Referats «Bücher bauen». Er sieht in der Buchgestaltung eine Analogie zur Beziehung, wie sie zwischen Bauherr und Architekt herrscht. Hier wie dort gehe es um einen Inhalt, der eine geeignete Form suche. Der Gestalter habe Möglichkeiten aufzuzeigen und verschiedene Ideen gegeneinander abzuwägen, von denen die einen vielleicht das Budget sprengen, andere aber wieder zu stark in den Inhalt eingreifen würden. In der von ihm präsentierten Buchserie über Menschenrechte gab Müller der Bildgestaltung den Vorrang – nicht als Konzession an die Leseverweigerung, viel mehr, um der Bedeutung des Bildes in der Dokumentation gerecht zu werden. Das Bedürfnis nach Hintergrundinformation kann dann in kompakten Texten gestillt werden, ohne dass der Lesefluss immer wieder durch Einzelbilder unterbrochen wird. Eine eher «grobschlächtige» Gestaltung soll von sich selbst ablenken, so dass sich die Aufmerksamkeit des Lesers auf den Inhalt konzentriert. Dies im Kontrast zu der in der Buchgestaltung oft anzutreffenden Egozentrik, die auf Insider-Beifall abstelle statt auf den Inhalt.

Buchgestalterinnen sind Mitautorinnen

Buchgestalterinnen geraten oft auch in die Rolle von Mitautorinnen. Darauf machte Tania Prill, Mitinhaberin eines Gestaltungstudios in Zürich, in ihrem Referat aufmerksam. Oftmals stelle es sich nämlich erst beim Entwickeln von Buchkonzepten heraus, dass noch Inhalte ergänzt werden sollten. Die Referentin demonstrierte am Beispiel eines Werkes über die Khadi-Verarbeitung in Indien, wie in der Gestaltungsphase noch stark auf den Inhalt eingewirkt werden musste, um den gewünschten Ablauf zu erzielen. Dass gestalterische Kreativität solides handwerkliches Können nicht überflüssig macht, zeigte sich an einem umfangreichen Buch, das tausend engagierte Frauen aus aller Welt vorstellt. Weil die Texte erst relativ kurz vor der Drucklegung zur Verfügung standen, war eine minutiöse Planung und überlegte Rasterung ausschlaggebend, um das Werk in der nötigen Zeit zu realisieren.

Das Bild im Buch

Werner Jeker

Zum Thema «Das Bild im Buch» referierte Werner Jeker, in Lausanne wirkender Grafik-Designer, um gleich festzustellen, dass für ihn auch Text ein Bild ist. Sieht man die von ihm präsentierten Beispiele, scheint für ihn die Integration von Text und Bild gar kein Problem darzustellen. Jeker, in dessen Schaffen das Foto immer schon bedeutend war, versteht es dabei, verschiedenste Möglichkeiten auszuspielen. Ist es im einen Fall ein Design im Albenstil («Ich bin noch mit Silva-Büchern gross geworden»), sind es im andern Fall formatfüllende Reproduktionen oder dann auch Bilder-Strips an «Wäscheleinen», wie es dem Inhalt am ehesten gerecht wird. Charakteristisch für Fotobücher ist, dass sie einen ausserordentlich grossen Aufwand an Archivarbeit bei der Sichtung und Auswahl des Materials erfordern. «Ein solches Buch zu machen, muss man sich leisten können», meinte er mit einem schelmischen Seitenblick darauf, dass es finanziell meist wenig attraktiv ist, dafür sehr oft die Begegnung mit einem unerhört interessanten Fundus bedeutet.

Helvetica forever

Direkt im Anschluss an den diesjährigen Tag der Typografie fand die Vernissage des Buches «Helvetica forever» statt, das zum 50-Jahr-Jubiläum bei Lars Müller Publishers erschienen ist. Das Buch ist eine gelungene Hommage an die von Max Miedinger für die damalige Haas'sche Schriftgiesserei in Münchenstein geschnittene Schrift. «Sie hat den Umbruch vom Blei ins digitale Zeitalter überdauert,» hielt Lars Müller an der Buchvernissage fest. Trotz hedonistischen Tendenzen in der Typografie gehöre sie in ihrer Klarheit noch immer zu den meistverwendeten Schriften.
gerstner Für Karl Gerstner, international bekannter Grafikdesigner und kritischer Zeitzeuge von 50 Jahren Helvetica-Geschichte, stellt die Helvetica eine Meisterleistung Miedingers und seines Auftraggebers Eduard Hoffmann dar. Die Entstehung dieser Schrift wie auch Frutigers Univers müsse im Zusammenhang mit dem Erfolg der Schnörkellosigkeit in der Typografie, die sich von Basel und Zürich aus über Ulm durchzusetzen begann, gesehen werden. Zweifellos habe die Helvetica vom guten Ruf der sachlichen Schweizer Typografie profitiert, umgekehrt sei dieser die enorme Ausstrahlung dieser klaren Schrift zu Gute gekommen.

-> Bildergalerie von Tag der Typografie 2007 (Autor: Claude Alain Frund)

-> Die Referate sind ausführlich dokumentiert in den Typografischen Monatsblättern 6/2007

 

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